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Patient Deutschland #25

„Digitalisierung ist das eine, Kommunikation das andere.” Professor Jochen A. Werner steht als „Medical Influencer“ für die digitale Transformation im Gesundheitssektor, er weiß allerdings auch um die Notwendigkeit guter Kommunikation: „Wir müssen die Mitarbeitenden mitnehmen und sie überzeugen, dass Digitalisierung im Krankenhaus auch einen Sinn hat.”

In der aktuellen Folge von „Patient Deutschland“ hat er Karsten Glied, Geschäftsführer der Techniklotsen, erzählt, wie er das Universitätsklinikum Essen zu einem „Smart Hospital” transformiert und warum die Coronakrise ein Umdenken in Sachen Digitalisierung angestoßen hat.

Warum sind Patient:innen so häufig Objekt statt Subjekt?

In den klinischen Abläufen der Krankenhäuser seien Patient:innen hierzulande noch viel zu häufig Objekte statt Subjekte. „Das war für mich der entscheidende Grund, die Seiten zu wechseln”, sagt Professor Jochen A. Werner im Podcast „Patient Deutschland”. Der studierte Humanmediziner habilitierte 1993 im Gebiet HNO und wurde 1995 zum Leitenden Oberarzt der Kieler Univ.-HNO-Klinik ernannt, folgte einem Ruf an den Lehrstuhl für HNO der Philipps-Universität Marburg und operierte, lehrte und forschte in dieser Zeit rund um die Uhr. „Ich merkte dann, wie das Feuer langsam weniger wurde”, so Prof. Werner, dem sich 2015 schließlich die Gelegenheit bot, als Ärztlicher Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender am Uniklinikum Gießen/Marburg tätig zu werden, der deutschlandweit einzigen privatisierten Uniklinik. Seine Triebfeder für den Wechsel vom Arztkittel in den Anzug: „Als Vorstandsvorsitzender kann ich mich stärker für die Digitalisierung einsetzen. Denn eines war mir schon damals klar: Die Digitalisierung wird uns dabei helfen, viele Missstände in Krankenhäusern zu beseitigen.”

 

Seitdem hat sich Prof. Werner auf den Weg gemacht, die Essener Universitätsmedizin mit ihren mehreren Tochter- bzw. Enkelunternehmen in ein Smart Hospital zu überführen. Anerkennung fand diese Initiative über Verleihung des Health Media Awards, des Deutschen Change Awards, des KU-Awards für Marketing sowie des TOP 100 Awards für mittelständige Unternehmen an die Universitätsmedizin Essen. „Die Digitalisierung eines Krankenhauses war und ist ein ganz steiniger Weg”, sagt Werner im Podcast. „Die erste Herausforderung war, erst einmal Aufmerksamkeit für dieses Anliegen zu schaffen. Digitalisierung beginnt im Kopf.” Das Krankenhauszukunftsgesetz und Milliarden-Förderungen seien zwar richtig und wichtig, „doch wenn das nicht auf eine Bereitschaft im Kopf trifft, dann stehen irgendwo tolle Rechner und leistungsstarke Software herum – und werden nicht genutzt.” Die Bereitschaft für den digitalen Wandel müsse man aus den Mitarbeitenden „herauskitzeln”, doch nicht alle könne man auf diesem Weg mitnehmen. „Ich habe keine Zeit, Menschen endlos zu beknien und zu überzeugen. Dann geht man diesen Weg eben mit denen weiter, die wollen.”

 

Eine Steuerungsplattform, die nicht durch Krankenhausmauern begrenzt ist

Doch was bedeutet eigentlich Smart Hospital? „Damit gemeint ist eine Steuerungsplattform, die nicht durch Krankenhausmauern begrenzt ist, sondern die komplett durchgängig ist, also auch niedergelassene Ärzt:innen, Physiotherpeut:innen und Co. einschließt. Und dabei immer fokussiert ist auf die Patient:innen, von deren Sicht aus her planend, und dabei – auf ein Krankenhaus bezogen – die Mitarbeitenden nicht vergessend”, sagt Werner. Ein Beispiel-Projekt in diesem Kontext ist laut Werner die Einführung der elektronischen Patientenakte, sowohl im Uniklinikum Essen als auch in den 100-prozentigen Tochterkliniken, darunter eine sehr große Lungenfachklinik und eine Herzchirurgische Klinik. Ein weiteres Beispiel ist die Gründung eines sogenannten „Instituts für Patientenerleben“, in dem der Frage nachgegangen wird, wie Patient:innen ihr Krankenhaus-Umfeld wahrnehmen und wie man es verbessern kann. Zudem habe man gemeinsam mit einem Call-Center-Anbieter die telefonische Erreichbarkeit im Tumorzentrum verbessert – diese Lösung soll bald für das gesamte Klinikum verfügbar sein.

 

Deutsche denken zu viel über Digitalisierung nach

Der Belastungstest namens Coronakrise habe das System zum verstärkten Umdenken gebracht und die Digitalisierung angetrieben, sagt Werner: „Es ist wichtig, dass der Einzelne mit dem Umdenken beginnt. Er muss sich fragen: ‘Was ist das hier für ein Saftladen? Ich will, dass wir das verändert bekommen.’ Und dann muss nur jemand kommen und sagen ‘Wir machen das jetzt‘.” Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen und Böblingens Landrat Roland Bernhard seien gute Beispiele für solche Macher. „Wir haben in Deutschland diese Eigenheit, zu lange über Digitalisierung nachzudenken. Zu überlegen, ob wir wirklich die Luca-App zur Kontaktverfolgung brauchen oder weiter den Namen auf die Zettel schreiben, ist für mich vollkommen unverständlich.”

 

Ebenso wichtig wie die Digitalisierung an sich sei die begleitende Kommunikation. „Digitalisierung ist das eine, Kommunikation das andere. Wir müssen die Mitarbeitenden mitnehmen und sie überzeugen, dass Digitalisierung im Krankenhaus auch einen Sinn hat.”

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Health&Care Management, dem Fachmagazin für Entscheider:innen und Meinungsführer:innen in Krankenhäusern, Privatkliniken, Alten- und Pflegeheimen.