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Patient Deutschland #23

Dr. Peter Gocke ist Chief Digital Officer (CDO) der Charité in Berlin und für die Digitalisierung einer der größten Universitätskliniken Europas verantwortlich.

Im Gespräch mit Karsten Glied, Geschäftsführer der Techniklotsen, erklärt er in dieser Folge von „Patient Deutschland", warum Digitalisierung eine Vorstandsaufgabe ist, warum es neben Leuchtturmprojekten auch digitale Hausaufgaben zu erledigen gibt und welchen Einfluss gesetzliche Rahmenbedingungen auf die Digitalisierung haben.

Die Digitalisierung ist kein IT-Projekt! Oder?

Dr. Peter Gocke ist Chief Digital Officer (CDO) der Charité in Berlin und zu Gast in der aktuellen Episode meines Podcasts „Patient Deutschland”.
Schon bei seinen vorherigen Stationen war der gelernte Radiologe damit am digitalen Puls des Gesundheitswesens: Zuerst hat er in den Universitätskliniken in Essen und Hamburg-Eppendorf die Digitalisierung der Häuser vorangetrieben und als CIO eines Anbieters für medizinisch-diagnostische Dienstleistungen Prozesse optimiert. Seit 2017 ist Dr. Gocke CDO der Charité in Berlin und besetzt damit die erste Stelle dieser Art im deutschen Gesundheitswesen.

 

Die Tatsache, dass der Digitalisierung des Hauses mit der Schaffung dieser Stelle eine so hohe Bedeutung beigemessen wird, war in seinen Augen richtungsweisend. „Digitalisierung ist eine Querschnittsaufgabe”, sagt er, deshalb dürfe sie nicht ausschließlich in der IT oder einer singulären Stabsstelle angesiedelt werden. Über die Ressourcen, die für eine erfolgreiche Digitalisierung notwendig sind, werde von der Klinikleitung entschieden – deshalb sei es nur schlussrichtig, das Thema selbst im C-Level anzuordnen.

„Digitalisierung ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess”

Der Schlüssel für Digitalprojekte ist in den Augen von Dr. Gocke die Erkenntnis, dass Digitalisierung eine Aufgabe der gesamten Organisation ist und nicht in der Einführung bestimmter Technologien besteht. „Das sind keine IT-Projekte, sondern Charité-Projekte.” Auch wenn digitale Tools das Mittel der Wahl sind, so sollte das Ziel immer die Optimierung der Prozesse und die Verbesserung der Medizin sein. Deshalb sei auch einer der wesentlichen Schritte als CDO die Einführung eines zentrales Projektmanagement gewesen, das die Verantwortlichkeiten an der richtigen Stelle bündelt und Abläufe vorantreibt und einzelne Projekte auch abschließt. „Digitalisierung ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess”, doch gerade der Übergang von der technischen Seite zu den Anwender:innen in den Fachabteilungen müsse rechtzeitig passieren. Insgesamt beschreibt Dr. Gocke seine Arbeit als Mischung aus Leuchtturmprojekten, beispielsweise der Einführung der „mobilen Visite”, und digitalen Hausaufgaben wie der Abdeckung mit gutem WLAN, was im Baubestand der Charité nicht immer einfach zu realisieren sei oder auch die Schulung der Nutzer:innen, um eine sichere Verwaltung der Geräte und Daten zu gewährleisten. Um die Digitalisierung in all diesen Bereichen als gemeinschaftsaufgabe zu verankern, werden Entscheidungen über ein zentrales Panel transparent gemacht.

 

Das Herzensprojekt von Dr. Peter Gocke ist die Anbindung der Charité an die Telematikinfrastruktur, die alle Beteiligten am Gesundheitswesen miteinander vernetzen soll. Relevante klinische Daten, die aktuell in Praxen, in Krankenhäusern und dort zusätzlich noch in Silos gut versteckt liegen, seien wenig nützlich. Erst wenn sie über eine nationale Plattform zugänglich sind, würde die Digitalisierung Fahrt aufnehmen. Anamnesen, der Arztwechsel und auch die Behandlung würde schneller werden, wenn der Austausch der Daten unter der Hoheit der Patient:innen ablaufen würde. Dr. Gocke definiert eine digitalisierte Medizin als die „gemeinsame Nutzung von strukturierten Daten in Echtzeit“ – die Digitalisierung von Arztbriefen zu pdf-Dokumenten sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, eine standardisierte Aufbereitung der Daten letztlich aber unumgänglich.

 

Digitalisierung per Gesetz

Beim Thema Datenschutz plädiert Dr. Gocke für eine einheitliche Auslegung der DSGVO und einen stringenten europäischen Datenraum zu schaffen, der auch als Gegengewicht zu amerikanischen oder asiatischen Bestrebungen dient. Die Effizienz dieser Systeme sei gefährlich attraktiv, sagt er. Bei Krankheit ist im Zweifel die Geschwindigkeit der Behandlung entscheidend und die einfache Herausgabe der eigenen Daten an Server im Ausland dürfe nicht dazu führen, dass das nationale Gesundheitssystem abgehängt wird. An dieser Stelle lobt Dr. Gocke die Medizininformatik-Initiative, die Daten aus Krankenversorgung und Forschung besser nutzbar machen will, oder das Pandemienetzwerk der Universitätsmedizin, das im Rahmen von Corona die Arbeit intensiviert hat.

 

Die Corona-Pandemie habe insbesondere in der Gestalt des Krankenhaus-Zukunftsgesetzes für einen Aufwind bei der Digitalisierung der Krankenversorgung gesorgt. Dr. Gocke erklärt, dass sich die Förderbestandteile des KHZG entlang der Patientenbedürfnisse bewegen: Von den ersten Berührungspunkten mit dem Gesundheitswesen noch zu Hause, über die (Not-) Aufnahme, die Behandlung, bis hin zur Nachsorge seien alle Prozessschritte bedient. Er betont aber, dass die integrierte Prozessbetrachtung wichtig sei, um die internen Abläufe im Kontext der gesamten Organisation zu verbessern und zu digitalisieren.

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