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Corona Tagebuch #26

Use now, customize later: Passt die Prozesse an, nicht die Software!

 Make or buy ist eine Frage, die mir im Arbeitsalltag oft begegnet. Dabei geht es um die Entscheidung, ob ein Unternehmen eine bestimmte Software-Lösung selbst entwickelt, damit sie perfekt zu den internen Anforderungen passt, oder aber eine bereits auf dem Markt verfügbare Lösung zukauft. Eigentlich gibt es zwischen diesen beiden Optionen aber noch einen dritten Weg, nämlich die Variante buy and customize. Dabei wird die Lösung weder selbst entwickelt, noch einfach implementiert, sondern vor dem Einsatz zuerst noch individuell an das Unternehmen und die bestehenden Unternehmensprozesse angepasst. Ein Zwischenweg also, der den zeitlichen und finanziellen Aufwand von make im Rahmen hält und im Ergebnis trotzdem die Spezifika des Unternehmens berücksichtigt.

 

Diese Variante war vor der Corona-Krise sehr beliebt, denn so musste unternehmensintern nichts umstrukturiert werden. Man wählte den einfachen Weg und die Lösung wurde sprichwörtlich “passend gemacht”. Sicherlich hat das an vielen Stellen halbwegs funktioniert und brauchbare Software-Infrastrukturen geführt. Doch eigentlich wurden diese Entscheidungen oft aus Konfliktscheue getroffen und damit aus den falschen Beweggründen. Denn jede Software, die an Unternehmensprozesse angepasst wird, die selbst nicht optimal sind, wird am Ende selbst mangelhaft sein. Dann wurde das Unternehmen zwar pro Forma digitalisiert, die Potenziale wurden aber nicht ausgeschöpft, weil man zu sehr an den bestehenden Prozessen hängt.

 

Im Gesundheits- und Sozialwesen sind mir viele solcher Szenarien begegnet. Nicht, weil ich auf Ignoranz oder Unverständnis stoße, sondern weil die Strukturen dort zum Teil noch sehr analog sind. Umstrukturierungen der Prozesse lösen dann schnell weitreichende Veränderungen aus, die nicht immer realistisch durchzusetzen sind.

 

Das Gebot der Stunde: Geschwindigkeit

Jetzt hat sich der Fokus verschoben: Es geht darum, gute Standards zu kaufen, die sofort funktionsfähig sind. Denn Schnelligkeit ist in der aktuellen Krisensituation der entscheidende Faktor. Dass Unternehmensprozesse dann in der Folge angepasst werden müssen, ist unter den aktuellen Voraussetzungen kein Problem mehr. Jetzt, da sich ohnehin so viel ändert, ist auch die Bereitschaft da, den Blick in den Spiegel zu wagen und gegebenenfalls Prozesse, die nicht zur ausgewählten Software passen, entsprechend umzubauen. Die Folge: Es kommen bessere Softwaresysteme zum Einsatz, Unternehmensprozesse werden auf die Probe gestellt, evaluiert und für die Zukunft verbessert. Am Ende kommen dabei bessere digitale Prozesse heraus.

 

Selbstverständlich besteht auch hier im Nachgang immer noch die Möglichkeit aus einem momentanen buy ein buy and customize zu machen. Allerdings erst dann, wenn wieder Zeit dafür ist. Corona hat an dieser Stelle also in manchen Projekten geschafft, dass endlich die alten Widerstände zugunsten schlanker Lösungen aufgegeben werden. Immerhin ein kleiner Trost in der aktuellen Lage.

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