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Patient Deutschland #24

Dr. Julia Fischer ist promovierte Ärztin und Wissenschaftsjournalistin. Statt als Nuklearmedizinerin zu arbeiten, erklärt sie in der „rbb-Abendschau“, in ihrer eigenen Kolumne bei „radioeins“ und auf ihrem Instagram-Kanal mit fast 30.000 Abonnent:innen verständlich und auf Augenhöhe komplexe medizinische Phänomene.

In dieser Folge von „Patient Deutschland" spricht sie mit Karsten Glied, Geschäftsführer der Techniklotsen, darüber, warum es so wichtig ist, Medizin greifbar zu machen und wie herausfordernd diese Mission eigentlich ist.

Medizin ist zu unverständlich

Dr. Julia Fischer ist Wissenschaftsjournalistin – sie wollte schon immer Medizin in den Medien erklären. Deshalb absolvierte sie zunächst ein Medizinstudium, woran sich sogar noch eine Promotion anschloss. „Mein Studium hat mir sehr viel Spaß gemacht, deshalb konnte ich nicht guten Gewissens direkt in den Journalismus einsteigen, ohne zumindest vorher einmal praktiziert zu haben“, erzählt Dr. Julia Fischer. Also begann sie in der Nuklearmedizin zu arbeiten. „Letztlich ist es ähnlich wie die Radiologie: Man schiebt Menschen durch Röhren hindurch“, sagt sie. Mittels bildgebenden Verfahren können Stoffwechselprozesse im Körper sichtbar gemacht werden, die einen vor „Dr.-House-esque“ Rätsel stellen, die man lösen muss. Doch die Stimme in ihrem Kopf, die danach verlangte, Geschichten aus der Wissenschaft zu erzählen, ließ nie wirklich locker. So entschloss sich die promovierte Ärztin noch ein Journalismus-Volontariat beim RBB, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk für Berlin und Brandenburg, dranzuhängen. „Dabei entdeckte ich erst so richtig meine Liebe fürs Radio und fürs Fernsehen“, schmunzelt Dr. Julia Fischer. Heute erklärt die Ärztin in der „rbb-Abendschau“, in ihrer eigenen Kolumne „Medizinische Notizen” bei radioeins und auf ihrem Instagram-Kanal – der fast 30.000 Abonnent:innen hat – verständlich und auf Augenhöhe komplexe medizinische Phänomene.

 

„Durch Corona sind viele gängige Themen wie ‘gesunde Ernährung’ und ‘Diäten’ in den Hintergrund gerückt“, erklärt Dr. Julia Fischer, „heute mache ich Videos und Beiträge zu mRNA-Impfstoffen und Epidemien.“ Dabei wünscht sie sich oft mehr Unterstützung von den eigenen Kolleg:innen, denn vor allem für ihre Erklärvideos stoße sie häufig auf Unverständnis, da laut Meinung ihrer Kolleg:innen Instagram ja kein seriöses Medium sei. Dabei birgt gerade diese Plattform eine große Chance, nahbar und auf Augenhöhe zu kommunizieren – häufig mit direktem Feedback. „Wenn auf ein Video von mir bei Instagram häufig dieselbe Frage gestellt wird, dann sehe ich schon den Anlass dazu, einen Post zu machen, um mein Publikum bestmöglich zu informieren“, sagt die Medizin-Influencerin.

 

 

Das perfekte Medium

„Natürlich ist das Kommunizieren über Social-Media-Kanäle bei der dort teils stark verbreiteten ‘Faktenlosgelöstheit’ oft eine Herausforderung“, gesteht Dr. Julia Fischer, „aber ich bin sicher, dass man nur durch verständnisvolle Kommunikation auf Augenhöhe und die Vermittlung wissenschaftlicher Quellen Verschwörungstheoretiker:innen entgegnen kann.“ Auch sie bekommt unter ihren Posts oder in privaten Nachrichten viele ideologische Gedanken zu lesen. Ihr Fazit: Sicherlich seien die „Querdenker:innen“ eine laute Gruppe, es helfe aber, sich immer wieder vor Augen führen, dass sie keine gesellschaftliche Mehrheit sind. Generell zeigt sich Dr. Julia Fischer überrascht über die Massenwirksamkeit der Corona-Pandemie: „Auch bei einsetzender Corona-Müdigkeit wollen die Menschen nach wie vor wichtige und verlässliche Fakten vermittelt bekommen.“ Manchmal sei es nur frustrierend zu sehen, dass die Zuschauer:innen gar nicht merken würden, wie viel Arbeit der Komplexitätsreduzierung hinter jedem einzelnen Video steckt. Letztlich arbeitet die Wissenschaftsjournalistin dabei nach einem klaren Credo: Verständlich aber korrekt. „Deshalb liebe ich auch das Medium Radio so sehr“, sagt Dr. Julia Fischer, „ich habe das Gefühl, dort noch etwas tiefer und ausführlicher in Themen einsteigen zu können und dass die Zuhörer:innen dem Thema mehr Aufmerksamkeit schenken als bei Videos.“

 

 

Verständlichkeit ist erfolgskritisch

Im vergangenen November ist das Bundesgesundheitsministerium eine Kooperation mit Google eingegangen, die für Aufsehen gesorgt hat. Die Informationen, die das zentrale Gesundheitsportal gesund.bund.de zur Verfügung stellt, sollten in einer gut sichtbaren und immer auf Platz eins der Suchergebnisse deutlich hervorgehobenen Position angezeigt werden, um verlässliche Fakten zu präsentieren und Falschinformation entgegenzuwirken. Damit verschaffte sich das Bundesgesundheitsministerium einen großen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Angeboten der Informationsbeschaffung zu Gesundheitsthemen. Diese bis dato einmalige Kooperation zwischen einem Ministerium und und Google wurde inzwischen vom Landgericht München untersagt. „Ich finde es zum einen richtig, dass wir versuchen, den oder die Patient:in mündiger zu machen, indem wir gewissen Informationen eine Wertigkeit verpassen“, meint Dr. Julia Fischer, „zum anderen ist es marktwirtschaftlich natürlich schwierig, sich diesen Spitzenplatz zu sichern.“ Dennoch ist der Bedarf an verständlicher und verlässlicher Medizin-Kommunikation geweckt. „Viele Ärzt:innen verlieren sich in ihren Gesprächen mit Patient:innen in einer Art ‘Nerd-Talk’ und schmeißen nur so mit Fachbegriffen um sich. Obwohl sie meinen, der Patientin oder dem Patienten alles wichtige gesagt zu haben, bleibt diese:r allerdings ratlos zurück, weil die Informationen nicht adäquat vermittelt wurden. Daher appelliere ich an alle Kolleg:innen, verständlicher zu kommunizieren. Auch im Studium wird das nicht wirklich beigebracht.“ Klingt ganz nach einer Bewerbung auf einen Lehrstuhl für Medizin-Kommunikation, oder Dr. Julia Fischer?

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"Patient Deutschland" wird präsentiert von
Health&Care Management, dem Fachmagazin für Entscheider:innen und Meinungsführer:innen in Krankenhäusern, Privatkliniken, Alten- und Pflegeheimen.