· 

Patient Deutschland #15

Es begann als ein Projekt nebenbei, doch schnell wurden die beiden
Start-ups „Dermanostic” (Telemedizin für dermatologische Beschwerden) und „Medilogin” (E-Learning für Ärzt:innen) der Gründerin Dr. Alice Martin so groß, dass sie nicht mehr neben einem 40- bis 60-Stunden-Job als Ärztin zu schaffen waren. Heute steckt sie mit ihrer Mitgründerin Dr. Estefanía Lang ihr gesamtes Herzblut in ihre beiden Unternehmen. Mit „Dermanostic” bietet sie telemedizinische Beratung für dermatologische Beschwerden an, mit „Medilogin” baut sie eine E-Learning-Plattform für Ärzt:innen auf.

 In dieser Episode von “Patient Deutschland” spricht Karsten Glied, Geschäftsführer der Techniklotsen mit Dr. Alice Martin darüber, wie sie mit ihren Unternehmen die Branche aufrütteln will, wie sie ihre beiden Rollen Ärztin und Unternehmerin jongliert und wie sie sich ein digitalisiertes
Gesundheitssystem vorstellt.

Warum muss die Digitalisierung des Gesundheitssystems auch eine unbequeme Veränderung sein?

Wir alle kennen es. Wenn wir etwas Rechtliches zu klären haben, fragt man die oder den befreundete:n Jurist:in, wenn es um die Steuererklärung geht, fragt man die oder den bekannte:n Steuerberater:in. Wenn es um gesundheitliche Aspekte geht, fragt man den oder die verwandte:n Ärzt:in. Aus diesem Umstand kam Dr. Alice Martin und Dr. Estefanía Lang “Dermanostic” die Idee zu gründen. „Freund:innen schickten uns bei WhatsApp Bilder von ihren Hautrötungen und fragten uns nach einem dermatologischen Rat”, erzählt Dr. Alice Martin. Heute basiert “Dermanostic” zwar auf dem selben Verfahren, jedoch gibt es eine eigens entwickelte App, mit der das Team aus Fachärzt:innen die selbstgemachten Fotos der Patient:innen empfängt und diagnostiziert. Anschließend wird binnen weniger Stunden ein Arztbrief erstellt samt Rezept zur Behandlung.

 

Doch in Dr. Alice Martins Brust schlägt ebenso ein großes Herz für die Lehre. Deshalb gründete sie ebenfalls mit Dr. Estefanía Lang das Unternehmen “Medilogin”, welches medizinisches E-Learning auf Deutsch, Englisch und Spanisch anbietet. Insgesamt umfassen beide Unternehmen mittlerweile 20 Mitarbeiter:innen. Dr. Alice Martin merkt, dass die Patient:innen für telemedizinische Angebote und digitale Dienstleistungen im Gesundheitssektor aufgeschlossener werden, deshalb habe ich mich mit ihr in der neuen Folge meines Podcasts “Patient Deutschland” darüber unterhalten, wie “Dermanostic” ein digitaleres Gesundheitssystem vorantreiben kann.

 

Damit Sie alle weiteren Ausgaben von “Patient Deutschland” direkt in Ihrer Inbox finden, klicken Sie einfach rechts oben auf “Abonnieren”. Vielen Dank dafür!

 

 „Die Wirklichkeit heißt: Zahlen und Fakten”

 

„2019 haben wir ‘Dermanostic’ an unserer Uni in Düsseldorf für eine Förderung gepitcht”, erinnert sich Dr. Alice Martin, „wir haben den Publikumspreis gewonnen, aber die Jury konnten wir nicht überzeugen.” Die Begründung der Fachjury aus Investor:innen bezog sich auf die Diversität im Team: Zwei Ehepaare und eine schwangere Gründerin seien nicht förderfähig. “Das war der erste richtige Rückschlag mit unserer Idee, den ich hinnehmen musste”, sagt Dr. Alice Martin. Daraus hat sie aber gelernt, etwas weniger idealistisch und naiv an ihre Ideen heranzugehen, denn ansonsten sei die Konfrontation mit der Wirklichkeit, die in der BWL aus Zahlen und Fakten bestünde, zu stark. Heute haben die Gründer:innen aber vier Investor:innen hinter sich, mit denen sie “Dermanostic” aufbauen können.

 

 

Telemedizin als Spezialisierung

 

Bereits 3000 Patient:innen konnten die Fachärzt:innen von “Dermanostic” behandeln. 86 Prozent davon waren danach beschwerdefrei. Eine Behandlung kostet 25 Euro, die bei privaten Krankenkassen komplett erstattungsfähig sind – mit den gesetzlichen Krankenkassen haben die Gründer:innen Kooperationsverträge, weshalb nicht alle Kassen die Behandlung übernehmen. Wenn man Dr. Alice Martin nach der Zukunft der Telemedizin und der Digitalisierung des Gesundheitssystems fragt, hat sie eine klare Vorstellung: „Wir werden immer Ärzt:innen brauchen, die vor Ort praktizieren. Ich glaube, dass es zukünftig eine Schere in der Dermatologie geben wird zwischen Teleärzt:innen und jenen, die vor Ort praktizieren. Denn dadurch, dass wir nur die Fotos und einen kleinen Fragenkatalog der Patient:innen bekommen, fehlen uns viele Patienteninformationen. Damit wir wirklich eine valide Diagnose anhand von Fotos erstellen können, liegt unsere Spezialisierung im geschulten diagnostischen Auge.” Dr. Alice Martin ist sich außerdem sicher, dass in einem Gesundheitssystem der Zukunft eine KI helfen wird, Diagnosen noch zuverlässiger zu stellen: „Dazu machen wir uns bereits Gedanken.”

 

 

„Wir haben keine Kund:innen, wir haben Patient:innen”

 

„Insgesamt hoffe ich, dass die Diskrepanz zwischen der öffentlich angestrebten und der tatsächlich umgesetzten Digitalisierung in Deutschland bald geringer wird”, sagt Dr. Alice Martin. Mittlerweile sind einige Gesetze auf den Weg gebracht, die diesen Veränderungsprozess weiter in Gang bringen, der nicht zuletzt auch durch die Covid 19-Pandemie angestoßen wurde. „Natürlich ist Veränderung auch unbequem”, meint Dr. Alice Martin, „jedoch können wir, wenn wir sowieso durch Corona dabei sind, alles zu verändern, auch direkt mit der Digitalisierung des Gesundheitssystems weiter machen. Patient:innen werden immer offener für solche digitalen Dienstleistungen und ich wünsche mir, dass wir Ärzt:innen es auch werden, damit wir auch endlich zum Treiber der Digitalisierung werden können.”

 

Wie finden Sie, steht es derzeit um die Digitalisierung unseres Gesundheitssystems? Welche Entwicklungen bemerken Sie und welche fehlen Ihnen?

RSS-Feed
RSS-Feed

"Patient Deutschland" wird präsentiert von
Health&Care Management, dem Fachmagazin für Entscheider*innen und Meinungsführer*innen in Krankenhäusern, Privatkliniken, Alten- und Pflegeheimen.