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Corona Tagebuch #7

Im Wettlauf gegen die Zeit:

Vorsprung durch ein digitales Zielbild

 

Ich habe schon oft davon gesprochen, dass in der deutschen Gesundheitsbranche die Zielbilder für die Digitalisierung fehlen. Konkret können sie ganz unterschiedliche Gestalt annehmen: Manchmal sind sie ausgearbeitete Pläne, die beschreiben, wie sich eine Einrichtung Stück für Stück digitalisieren will. Schriftsätze also, die in langen Prozessen diskutiert und ausgearbeitet wurden, die Verantwortlichkeiten verteilen und genaue Handlungsschritte vorgeben. Manchmal sind sie weniger umfangreich und bestehen aus groben Einschätzungen, einem Entwicklungshorizont und aus Optionen, statt konkreten Maßnahmen. Und in noch anderen Fällen sind sie “nur” die Gedanken, die sich eine Person gemacht hat.

 

In welcher Form auch immer, es geht darum, eine Idee davon zu haben, welchen Reifegrad der Digitalisierung eine Einrichtung im Moment hat, was das Ziel sein soll und mit welchen Maßnahmen man es erreichen kann. Solche Übersichten helfen übrigens dabei, eine digitale Vision zu erstellen.

 

Vorbereitung, die sich jetzt auszahlt

 Viel zu lange wurden Zielbilder für die Digitalisierung einer Einrichtung als planerische Spielerei abgetan. Weil es dringendere Angelegenheiten zu klären gab, weil man ohnehin nicht die Ressourcen für die Umsetzung hat, und so weiter. Doch nun erweist sich, dass diejenigen Einrichtungen, die sich schon vor der Krise mit der Digitalisierung und deren Chancen für die Gesundheitsbranche auseinandergesetzt haben, jetzt deutlich im Vorteil sind. Der Grund: Die Corona-Krise zwingt uns behelfsmäßig zu digitalisieren. Wir müssen schnelle und unkomplizierte Lösungen implementieren, denn die Zeit für komplexe Ansätze ist nicht da. Da ist es logischerweise gut, wenn in der Vergangenheit schon erste Überlegungen angestellt wurden. Denn wer jetzt schon eine Vision davon hat, wie digitale Lösungen der eigenen Einrichtung dabei helfen können zum Beispiel den Fachkräftemangel zu lindern oder das Leben der Patient*innen angenehmer zu machen, der kann deutlich leichter erkennen, was jetzt zu tun ist.

 

Wem das Ziels fehlt, der wird bei der Unmenge an Chancen, Tools und Lösungen konfus abwarten oder – noch schlimmer – beim Wettlauf gegen die Zeit komplett in die falsche Richtung laufen. Den nun in einer Krisensituation, in der noch so viele andere Dinge zu erledigen sind, aufzuholen, wird schwierig. Und er endet höchstwahrscheinlich damit, das manche Sofortmaßnahmen auf den zweiten Blick nicht mehr so sinnvoll sind, wie im Moment der Entscheidung gedacht.

 

Spät, aber nicht zu spät.

 Alle Einrichtungen, die bisher keinerlei Planungen angestellt haben, um ein digitales Zielbild zu erstellen, denen möchte ich einen Tipp mit auf den Weg geben: Es ist spät, jetzt erst mit Planungen anzufangen und die Ressourcen für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema fehlen. Jedoch kann man die Erfahrungen, die wir gerade alle machen, als wertvolle Vorbereitung sehen. Die Krise zeigt wie eine Lupe all die Punkte, die am dringendsten digitale Unterstützung gebrauchen können. Bekommen sie die Maßnahmen zu Corona nicht kommuniziert, weil ein Intranet fehlt? Können sie es nicht vermeiden, Unterschriftsmappen per Bote durch die Gegend zu fahren, weil es kein Dokumentenmanagementsystem gibt? Scheitern Maßnahmen, die man jetzt schnell umsetzen müsste, an zu langsamem oder nicht vorhandenem WLAN? Dann sollten das die ersten Projekte nach der Krise sein.

 

Die zentrale Leitfrage für ein digitales Zielbild muss immer sein: Wo unterstützt Digitalisierung am besten den Alltag von Patient*innen, Bewohner*innen und Personal? Wer diese Frage vor dem Hintergrund der sich jetzt sichtbar werdenden Schwachstellen beantwortet, der hat das digitale Zielbild für die eigene Einrichtung schon fest erstellt. Die Lücke, über die Sie sich jetzt am meisten ärgern, ist in Zukunft Ihr größter Hebel.